Fundevogel war als Folge von elf Orchesterstücken zu einem stummen Theater geplant. Die Musik basiert auf kurzen Texten aus Interviews mit Kindersoldaten einerseits und dem Grimmschen Märchen vom Fundevogel andererseits. Da keine Bühne gefunden wurde, wurden nur zwei Instrumentalstücke realisiert: Berührung und No Living Thing.

Für Berührung wurde folgender Satz aus dem Märchen zugrunde gelegt: “Diese zwey Kinder haben sich so lieb wenn eins das andere nicht sieht so sind sie betrübt.” Und für No Living Thing diese Sätze aus einem Interview mit einem sechzehnjährigen Kindersoldaten: “Sie waren die Feinde, egal ob sie Zivilisten waren oder nicht. Die Menschen waren manchmal noch in ihren Häusern, wenn wir sie angezündet haben. Das konnte jeden treffen: Kinder, Frauen, Männer - jeden. Selbst eine Ratte ist in solchen Momenten nicht lebend davongekommen. Wir haben alle Lebewesen getötet: Schafe, Ziegen - alles. Diese Operationen hießen: no living thing. Wenn meine Jungs eine Niederlage erlitten hatten, habe ich zur Strafe eine solche Operation durchgeführt.”

Die Musik strebt nicht an, diese Texte bzw. das in ihnen Gesagte auf eine möglichst unmittelbare Weise “umzusetzen”. Ich wollte vielmehr eine Musik schreiben, die das Gesagte unter einem ganz bestimmten Aspekt “betrachtet” und insofern auch “verkörpert” (aber als ein musikalischer Körper, der sich verschiedenen Geschehnissen zuwendet, auch bestehen bleibt).

Bei Berührung interessierte mich die Atmosphäre einer elektrisierten, mit der Spannung der Sehnsucht durchzogenen Ferne. Zu dem so lapidaren und in seiner Weise unerreichbaren Satz des Märchens habe ich versucht eine Musik zu schreiben, die etwas von den Paradoxien der Liebe, von der Berührung in der Ferne in der Betrübnis, wiedergeben kann.

Die Situation einer totalen Vernichtung, die als No Living Thing-Operation beschrieben wird, betrachtet und verkörpert die Musik von einem Punkt des “Danach” aus: als stünde man auf dem Platz, wo einmal das Dorf gewesen ist, und hörte noch das Knacken des verbrannten Holzes. Ein Schrei durchzieht das Stück, der so gedehnt ist, dass er nur noch zum Teil als Schrei wahrgenommen wird, und ein Zusammenklang, der sich immer gleich bleibt.

Ensemble Atelier Neue Musik Bremen. Leitung Christian Hommel
Berührung
No Living Thing