Joachim Heintz
Krieg dem Krieg

Posaune und Elektronik

Der Titel ist ein Zitat: "Krieg dem Krieg" ist eine Parole der Friedensbewegung, die ich seit Anfang der 80er Jahre als "Floh im Ohr" mit mir herum trage. (Erst später habe ich erfahren, dass sie unter anderem Titel eines Gedichts von Kurt Tucholsky 1919 und eines Romans von Ernst Friedrich 1924 ist.) Was mich an dieser Parole interessiert, ist die selbstreflexive (oder "rekursive") Haltung: Den Krieg durch sich selbst bekriegen. Wie ist das möglich? Was hebt den Krieg auf?

Diesen Fragen wollte ich in diesem Stück nachgehen. Die musikalische Phantasie, die dabei entstand, setzt das Thema gleichsam zurück zu einer Studie über zwei grundlegende Haltungen. Die eine Haltung, lustvoll, aggressiv agierend, setzt etwas in Gang, das sich mehr und mehr verselbständigt, bis die Abläufe zu einer Art Maschinerie geworden sind, die keinen Menschen mehr brauchen, um weiterzulaufen. Der dann "übriggebliebene" Spieler sucht nach etwas, das diese Maschine stoppen kann ...

(Vielleicht sucht er auch nicht mehr. Aber, um mit Lessing zu sprechen: Man findet bisweilen, was man nicht sucht.)

Meine Musik versucht also nicht, die Parole "Krieg dem Krieg" zu illustrieren, sondern sie möchte einen bestimmten Aspekt dieser Parole musikalisch ausphantasieren, untersuchen. Das hat auch etwas Spielerisches, notwendiger Weise; bei diesem Spiel schlagen für den Zuhörer vielleicht die Gefühle und Assoziationen hin und her zwischen der "großen" Welt der politischen Kriegshandlungen und der "kleinen" Welt der eigenen Handlungen und erspürten Potentiale. Ein "Gesellschaftsspiel" also ...

Das Stück entstand für und in Zusammenarbeit mit Patrick Crossland. Es gibt keine Partitur, sondern nur wenig Material, das selbständig weiterentwickelt wird. Wesentlich ist die räumliche Anordnung: Der Posaunist steht in der Mitte des Raumes; um ihn herum kreisförmig fünf Mikrofone, in deren Verlängerung fünf Lautsprecher. Das Wechselspiel zwischen Posaunisten und Live-Elektronik, verbunden mit dem programmierten Prozess, ergibt die Form dieses Stücks.