Wie geht man mit Schlägen um, die man bekommt? Vor allem mit Schlägen, die 'die Geschichte' austeilt? (Weniger allgemein gesprochen werden diese Schläge natürlich von konkreten Menschen in konkreten Situationen ausgeteilt - vor allem von Inhabern staatlicher Macht, die oft genug Herren über eine Entscheidung zugunsten des Krieges, des Denkens und Handelns in Kategorien der Vernichtung, sind.)

Hannah Arendt hat sich ihr Leben lang mit dem beispiellosen Schlag befasst, der sie selbst zur Emigration zwang und Millionen Menschen umbrachte. In "Eichmann in Jerusalem" legt sie die Persönlichkeit eines neuen Typus von Massenmörder bloß, dessen Monstrosität gerade in seiner Normalität, seinem Karrierestreben und seiner Angepasstheit liegt. Sie zeigt aber auch, wie die Jerusalemer Anklage teils aus Unfähigkeit, teils aus politischen Interessen heraus unfähig war, den Dimensionen wirklich gerecht zu werden. Sie nimmt mit dieser unbestechlichen Selbstständigkeit ihrer Einschätzung und ihres Urteils genauso Anfeindungen des jüdischen Establishments in Kauf wie mit ihrem Hinweis auf die tragische Rolle, die die von den Nazis eingesetzten Organe einer jüdischen Selbstverwaltung bei der Vernichtung spielten. Und nicht zuletzt geht sie ganz genau dem Geschehen in den besetzten Ländern nach und zeigt, wie bei einer entsprechenden Haltung der Bevölkerung (wie in Dänemark oder Bulgarien) durchaus sehr viel Sand ins Getriebe der Tötungsmaschinerie gestreut werden konnte.

Die Schläge, die gewisse Machthaber heute austeilen, sind demgegenüber "normal" zu nennen. Das business as usual der Machtpolitik: machst du nicht was ich will, dann bring ich dir Krieg. Angriffskriege werden verbrämt zu Befreiungen; der Begriff der Demokratie muss als Deckmantel für imperialistische Interessen herhalten. Wer mächtig genug ist, kann das Völkerrecht mit Füßen treten und muss doch nichts fürchten. Nur die kleinen Tyrannen müssen sich Sorgen machen. Die großen können das Faustrecht ohne Einschränkungen anwenden.

Solche Schläge treffen nicht nur diejenigen, die von ihnen getötet werden, vertrieben oder ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Sie treffen auch all jene, die für einen anderen Umgang mit Konflikten eintreten als die "Lösung" durch Krieg, und die nicht wie die Kriegsherren durch die Rede über den Terrorismus nicht mehr über dessen Ursachen reden wollen. Sie treffen immer auch die Kunst, die ohne Austausch und Verständigung nicht existieren kann.

Dieses Stück handelt von Schlägen und von dem, was sich in ihrem Schatten ereignet. Es ist eine Art musikalische Untersuchung über das Leben in diesem Schatten; über das, was sich in ihm bewegt, erstarrt, was wiederkommt oder sich verändert. Über Kräfte verschiedenster Art, in einem musikalischen Raum. Diese Musik möchte keine Abbildung sein und kein vordergründiger Protest, sondern Verarbeitung. Ein Verdauungsversuch sozusagen, am Rande der gegenwärtigen weltpolitischen Schläge. In einer ganz anderen Sprache als Hannah Arendt, in einem ganz anderen Modus, doch mit einem verwandten Blickwinkel, wie mir scheint. In ihrem Vorwort zu "Menschen in finsteren Zeiten" spricht sie von einem "unsicheren, flackernden und oft schwachen Licht", das im Leben Einzelner mehr als Begriffe und Theorien etwas Erhellung bringen kann. Musik mag ein solch flackerndes Licht sein.

Schlagschatten entstand auf Initiative und in Zusammenarbeit mit Margit Kern anlässlich des 100. Geburtstags von Hannah Arendt, als Auftragswerk des Deutschlandfunks.

Partitur

Margit Kern, Akkordeon; Joachim Heintz, Elektronik