Das Andante con moto aus Mozarts Es-Dur Quartett KV 428 — was für eine Landschaft! So verschiedene Wege werden gegangen, wir werden mitgezogen, wir folgen gern, auf diesen so plausiblen wie unvorhersehbaren, so überraschenden wie natürlichen Gängen. Die Musik fließt, sie hält, sie deutet an, sie geht weiter, sie lässt liegen, sie kehrt zurück. Sie beginnt so beiläufig, dass man sich fragt, ob es nicht eine bewusste Unverfrorenheit ist, ein Stück quasi athematisch, als Ausfüllung eines Modells zu beginnen, das um 1430 (!) neu und modern war: der Fauxbourdon, eine Kette fallender Sextakkorde, in den drei Oberstimmen, mit den üblichen Vorhalten, und das Cello brummelt dazu, und schon knirscht die Chromatik. Wo geht das hin, wo soll das schon hingehen, einfach nochmal von vorn, nach fünf (!) Takten, aber nun gleich, typisch, anders, unnachahmlich: gegen das fallende steigt plötzlich etwas auf, Licht, dort hinten, zieht nach oben, welche Klangfarbe, wie einfach, wie zärtlich, wie weitreichend, und schon sind diese zweiten fünf Takte etwas ganz anderes als die ersten geworden, und der gleiche Weg ist nicht mehr der gleiche.

So könnte das Stück weiter verfolgt werden: wie es sich ständig wendet, wie es erstarrt, wie es ablässt, wie es ins Leere läuft, wie es vertieft, wie es an die Grenze stößt, wie es die Ausweglosigkeit nicht nur andeutet, sondern so radikal gestaltet, nicht obwohl, sondern gerade weil es sich dann doch, auch daraus, wendet ...

Deshalb also Wege. Wege bei Mozart, und Wege in meinem Stück. Und gleichzeitig schon in diesem Bild der Unterschied, die Trennung: Weder kann noch will meine Musik die Wege bei Mozart nachformen oder gar imitieren. Sie muss ihre eigenen Wege gehen, und sie muss ihre eigene Bewegungsform, oder vielleicht besser im Plural: ihre eigenen Bewegungsformen vollziehen. Und so ist das „nach Mozart“ nicht nur ein Bezug und eine Nähe (nach = bezogen auf), sondern auch eine Trennung, in einem zeitlichen „nach“, das so viele Seiten hat, in Musik, in Geschichte, in Wirklichkeiten, handgreiflichen Wirklichkeiten der musikalischen Materie, wie Akkorden, Rhythmen, Klängen, Geräuschen, und nicht zuletzt medialer Präsenz: fünf Lautsprecher auf der Bühne, vier davon fast das ganze Stück wie ein Double des physisch anwesenden Streichquartetts, mal wie ein Echo, mal sich ergänzend, mal sich trennend, mal folgend, mal führend.

Vier Wege werden in meinem Stück gegangen, als Phasen, Kapitel quasi, die ineinander übergehen und auseinander hervorgehen. Die Titel sind:
I - Wege des Fließens
II - Wege der Zusammenklänge und des Atems
III - Wege der Starre
IV - Wege des Verschwindens

Mozart Andante con moto (Nomos Quartett)

Heintz Wege (Nomos Quartett)

Partitur
Partitur Elektronik
Auffuehrung Elektronik